Wie gut ist… Kingdom?

0

Es gibt einige Serien, die ich anfangs aufgrund ihrer Prämisse ignoriert und später, nach Überwindung der geglaubten Abneigung, geliebt habe.

Das wahrscheinlich beste Beispiel dafür ist Friday Night Lights, eine Serie, bei der ich erst entdecken musste, dass hinter der Football-Fassade ein großartiges Familien- und Kleinstadt-Drama steckt – und die ich heute wohl in meine Top 5 der besten Serien einordnen würde.

Kingdom könnte die nächste Serie in dieser Kategorie sein und sie ist Friday Night Lights erstaunlich ähnlich: Statt dem ländlichen Texas wählt sie Venice Beach als Kulisse, ihre Sportart ist nicht Football, sondern Mixed Martial Arts (MMA), doch in ihrem Mittelpunkt stehen nicht Kämpfe, sondern die Konflikte einer in dieser Sportart verwurzelten Familie und ihrer persönlichen Schicksale.

Da ist Alvey (Frank Grillo), einst ein gefeierte MMA-Kämpfer, heute Besitzer einer Trainingshalle, der um’s finanzielle Überleben kämpft und sich mit den Problemen des Alterns herumschlägt – dem verblassten Ruhm, den eigenen körperlichen Einschränkungen -, dem aber auch die zunehmende Distanz zu seinen Söhnen sowie die finanzielle Abhängigkeit von seiner deutlich jüngeren Freundin Lisa zu schaffen macht.

In Alvey steckt noch immer der einstige Kämpfer, doch um seine Aggressionen im Käfig auszulassen, fehlt ihm die Jugend – und außerhalb des Käfigs, in der realen Welt, ziehen unüberlegte Handlungen Konsequenzen nach sich, wie sein Sohn Nate schmerzlich erfahren muss.

Da ist eben jener Nate (Nick Jonas), der halbherzig, aber zunächst mit Erfolg, in den Fußstapfen seines Vaters wandelt, bis er in Folge dessen Taten in der realen Welt so vermöbelt wird, dass an Kämpfe vorübergehend nicht mehr zu denken ist, worüber er alles andere als enttäuscht zu sein scheint.

Da ist Jay (Jonathan Tucker), Nates Bruder, der bemüht ist, wieder eine Beziehung zu seiner Mutter (Joanna Going) aufzubauen, die ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdient und Heroin spritzt, um ihren Alltag zu ertragen.

Und da sind Lisa (Kiele „Nikki“ Sanchez) und Ryan (Matt „Luke Cafferty“ Lauria), die einst ein Paar waren, bis Ryan – ebenfalls ein gefeierte Kämpfer – seine Aggressionen nicht mehr unter Kontrolle hatte und im Knast landete, woraufhin Alvey, Ryans einstiger Trainer, mit Lisa eine Beziehung einging.

Jetzt, ein paar Jahre später, ist Ryan auf Bewährung draußen und Alvey bemüht, ihn wieder an seine alte Leistungsstärke heranzuführen, auch wenn das bedeutet, dass Ryan und Lisa sich ständig über den Weg laufen. Lisa, der – wohl bemerkt – die Trainingshalle gehört, die sich eine eigene Karriere als Managerin aufbauen will und deren erster Kämpfer ausgerechnet Alveys ungeliebter Sohn Jay ist.

Mit anderen Worten: Das Beziehungsgeflecht ist verdammt komplex und es ist genau das, wovon Kingdom in seiner ersten Staffel lebt. Immer wieder kommen dabei wunderbaren Momente der Peinlichkeit zum Vorschein, wenn Alvey mit Ryan über dessen Ex Lisa redet, wenn Jay seinen Vater mit der Einladung zu einem Dinner überrascht, um ihn dort mit seiner Mutter zu konfrontieren, wenn eben jene ihren Sohn Jay überfürsorglich zur Physiotherapie begleitet oder wenn Ryan im Halfway House seinem behinderten Mitbewohner etwas Selbstvertrauen einhauchen will.

Training und Kämpfe hingegen sind trotz glaubwürdiger Darstellung nur Nebensache, ein probates Mittel zum Zweck, um den Figuren zumindest einen gemeinsamen Nenner zu geben, der sie hin und wieder zusammenbringt – wie in Friday Night Light eben.

Ob es die Serie mit dem langfristig aufnehmen kann, vermag ich aber noch nicht einzuschätzen. Kingdoms Cast ist durchaus ordentlich, sogar die in Lost so verhasste Kiele Sanchez, aber sie ist eben doch keine Connie Britton, Frank Grillo ist kein Kyle Chandler und ein Jonas-Brother ist kein Zach Gilford.

Auch die in Friday Night Lights von Peter Berg anfangs so stark geprägte Regie fällt in Kingdom schwächer aus, das zwar ähnlich gefilmt ist, aber die Dynamik, vor allem in den sich so großartig überlappenden Dialogen, seines augenscheinlichen Vorbilds nicht erreicht. Und auch über den ein oder anderen irritierenden Schnitt muss man – wohl budgetbedingt – hinwegsehen.

Meine irrelevante Wertung

80%
80%
Sehr gut

Insgesamt jedoch gelingt es Kingdom in seiner ersten Staffel, ein komplexes und spannendes Figurengeflecht zu erschaffen, dessen Interaktionen und Konflikte in ihren stärksten Momenten so greifbar und real wirken, wie ich es zuletzt in Breaking Bad gesehen habe - und das will schon was heißen.

Share.

About Author

Freier Journalist. Autor. Spielefan.

Comments are closed.