#assassinsgate – oder: Die Schuldfrage

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Ich habe in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, dass Assassin’s Creed die Spieleserie ist, die mich derzeit am meisten nervt – mit großem Abstand. Insofern war die Woche für mich bisher äußerst amüsant, auch wenn das neue Assassin’s Creed: Unity vorrangig für seine schwache Performance sowohl auf PC als auch auf Konsolen, für seine unzähligen Bugs und für seine In-Game-Purchases kritisiert wird, aber weniger für das, was mich am meisten stört: Das eigentliche Spiel.

Immerhin auf Kotaku ist Verlass, die in ihrem erfrischend direkten NO-Review auch die langweiligen Missionen und das müde Template ansprechen, aber nicht minder präzise hat Conan O’Brien in seinem „Clueless Gamer“-Segment die Serie auf den Punkt gebracht: „So far, I’ve stolen an apple und run in circles“ lauten seine Eindrücke nach wenigen Minuten, aber es könnten auch meine Erinnerungen an die vier oder fünf Teile der Reihe sein, die ich (an)gespielt habe.

Wie auch immer. Ubisoft steht jedenfalls, je nach Sichtweise, entweder ausnahmsweise oder endlich mal im Feuer der Kritik, das Spiel hätte noch drei bis sechs Monate Entwicklungszeit gebraucht, heißt es, und das dürfte der Wahrheit entsprechen, doch Ubisoft hat mit Assassin’s Creed längst einen Weg eingeschlagen, der keine derartigen Verzögerungen zulässt.

Nicht, weil man dann das Weihnachtsgeschäft verpasst hätte, wie vielfach gemutmaßt wird, sondern weil für den nächsten Herbst bereits das nächste Assassin’s Creed einkalkuliert sein dürfte – und der Release von zwei Spielen der Reihe innerhalb eines halben Jahres größeren Schaden in Hinblick auf die Verkaufszahlen anrichten könnte, als es der pünktliche Release eines unfertigen Titels tut.

Denn ist der Automatismus der jährlichen Veröffentlichungen einer Reihe erst einmal in Gang gebracht, gibt es kein einfaches Zurück – und ohnehin ist es nicht Ubisoft, das diesen absurden Zyklus mit acht (!) Spielen allein für PC und Konsolen innerhalb von sieben Jahren ermöglicht hat, es waren die Spieler, deren Durst der Publisher gestillt hat.

Die viel interessantere Frage in Hinblick Assassin’s Creed: Unity und seine Schwächen ist daher für mich: Hätte sich das drohende Debakel nicht im Voraus abzeichnen müssen? Oder anders: Wie kann es sein, dass IGN und GameSpot, Polygon und Eurogamer vor einem so gehyptem Titel, dem vielleicht größten Spiel des Jahres, erst warnen, als es bereits erhältlich ist?

Wired schiebt es auf Ubisoft Review-Embargo, das zu spät ablief, und bezeichnet es als „Ubisoft’s Sneaky Scheme“, aber anders als vor allem die gut verknüpfte US-amerikanische Presse hat Ubisofts PR- & Marketing-Abteilung nur ihren Job gemacht.

Das Problem beginnt nicht mit dem Review-Embargo, sondern endet mit selbigem; es ist die seit der E3 angeworfene Hypemaschinerie, in die sich die amerikanische Presse Jahr für Jahr einspannen lässt, und die Spiele über das folgende halbe Jahr hinweg weitgehend kritiklos und stellvertretend für den Publisher bereits an die Ziellinie trägt.

Dass Ubisoft dann den letzten Schritt selbst übernimmt und das Spiel über selbige schubst, indem es, sich der Gefahr schlechter Reviews bewusst, diese hinauszögert, kann man dem Unternehmen nur mit viel Zynismus vorwerfen.

Wie wichtig gute Wertungen für den Erfolg einer etablierten Reihe wie Assassin’s Creed sind, sei an dieser Stelle dahingestellt. Anders als bei einer neuen Marke wie, sagen wir, Destiny weiß hier jeder Käufer haargenau im Voraus, was ihn erwartet, und ob technische Schwächen, über kurz oder lang patchbare Bugs und teure In-App-Purchases deren Vergnügen mittelfristig einen Abbruch tun, ist zumindest zu bezweifeln. So wäre es nicht verwunderlich, wenn Assassin’s Creed: Unity höchstens als kleine Scharte in Erinnerung bliebe – für Publisher und Presse.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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