Call of Duty: Advanced Warfare: Spiel in Fesseln

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Es ist eine Schande, wie viele großartige Werkzeuge Call of Duty: Advanced Warfare mir in seiner Kampagne in die Hand drückt und wie wenig es mich doch mit ihnen anstellen lässt.

Da ist der Double Jump, der mich scheinbar unüberwindbare Hindernisse schwungvoll bezwingen lässt – wenn er denn aktiviert ist.

Da ist der Grappling Hook, der mich blitzschnell von Dach zu Dach beinahe teleportiert, mich eigene Wege wählen und meinen Gegnern ausweichen lässt – wenn die Mission es gerade erfordert.

Da sind die Drohnen, die mich vorab aus der Luft einen Blick auf die Umgebung werfen und einzelne Wachen gezielt ausschalten lassen – wenn sie mir das Spiel denn mit auf den Weg gibt.

Und da sind die Stealth-Elemente, die es mir ermöglichen, mich in Büschen zu verstecken, mich vorübergehend unsichtbar zu machen und Gegner aus dem Hinterhalt zu erledigen, um Feuergefechte zu vermeiden – wenn es die Story denn mal erlaubt.

Leider tut es all das viel zu selten. Ist der Double Jump nicht aktiv, kann ich schon daran scheitern, bauchhohe Mauern zu überwinden, ist der Grappling Hook nicht installiert, bin ich auf Leitern und ebenfalls nur selektiv vergebene Magnethandschuhe angewiesen, gibt’s keine Drohnen und ist das Stealth-System deaktiviert, muss ich mich eben durchballern.

CoD: Grappling Hook Bild

Es ist, als würde das Spiel mich bewusst ärgern wollen, mir all diese coolen Spielzeuge in die Hand drücken, um sie mir, gerade als ich sie verstehe, mit einem Ätsch-Bätsch wieder wegzunehmen. Call of Duty: Advanced Warfare ist wie der große Bruder, der Dich als Kind mal mit seinem GameBoy spielen ließ und ihn Dir dann nie wieder gab, als er merkte, wie viel Spaß Du damit hast.

Der Unterschied zwischen Bruder und Spiel ist, dass Letzteres für das Wegnehmen weder einen guten noch einen schlechten Grund wie „Neid und Missgunst“™ hat. Es müsste seine Kampagne und ihre Missionen nicht so linear strukturieren, seine Story nicht so aufdringlich auch in den Levels erzählen, wie es das tut, es könnte mir all diese Spielzeuge nach und nach in die Hand drücken, mich sie erlernen lassen und sie mir schließlich ohne Händchenhalten gänzlich anvertrauen.

Und es wäre ein so viel besseres Spiel, wenn es das tun würde.

Stattdessen ist auch Advanced Warfare wieder nur ein verkappter Rail Shooter, ein interaktiver Film mit besseren Quick-Time-Events, der sich seines Core Gameplays so unsicher ist, dass er in seine Kampagne genug Ideen für ein dutzend Spiele steckt, ohne auch nur eine über den ersten Ansatz hinauszudenken: Ein bisschen Shooting Gallery, ein bisschen Stealth, ein bisschen Titanfall und, ach, schmeißen wir den Spieler auch noch in ein Rennboot, in einen Kampfjet und in einen Panzer!

Ich sollte mich wahrscheinlich nicht darüber aufregen, denn Call of Duty ist, was es ist, und das nicht erst seit diesem Jahr. Seine nur wenige Stunden lange Kampagne hat durchaus ihre unterhaltsamen Momente – unterhaltsam in dem Sinne, wie einst ein Deep Blue Sea unterhaltsam war:

Aber mehr noch als in der Vergangenheit habe ich bei Advanced Warfare das Gefühl, dass es nicht so sein müsste. Dass hier ein gutes Spiel hinter all den Oorahs und Holy Shits steckt, das jedoch entweder sich oder seinen Spielern nicht genug zutraut und sich deshalb selbst in Fesseln legt – obwohl es über all die notwendigen Tugenden verfügt, um so viel besser zu sein als sein Ruf.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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