Door Kickers: SWAT 4 aus der Luft – Review

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Das Erstellen eines Plans in Spielen hat mich schon immer mit Genugtuung erfüllt. Wahrscheinlich ist es ein Gefühl der Bestätigung, sich etwas überlegt zu haben und dann erfolgreich ausgeführt zu sehen, nur den eigenen Geist, das Verständnis des Spiels, auf die Probe gestellt zu wissen, nicht jedoch die eigenen Reaktionen. Spiele wie Der Clou!, das erste Rainbow Six und Frozen Synapse sind mir allein aus diesem Grund positiv in Erinnerung geblieben – allerdings ist die Erinnerung bei drei Spielen in zwanzig Jahren auch keine große Kunst.

In eben jene Lücke tritt nun Door Kickers, das sich allerdings moderner und dynamischer gibt, mehr als ein SWAT 4 aus der Top-Down-Perspektive zu verstehen ist: Ich kommandiere eine kleine Einsatztruppe durch verschiedenste Schauplätze – Wohnungen, Hotels, Villen, sogar Schiffe – und muss ganz im Stile eines Rainbow Six oder Counter-Strike mal einfach nur alle Bösewichter ausschalten, mal Geiseln befreien, mal eine Bombe entschärfen.

Ein Einsatz läuft in Echtzeit ab, lässt sich aber jederzeit pausieren, um neue Anweisungen zu geben. Wer soll wohin gehen und wer in welche Richtungen gucken? Werfe ich eine Blendgranate, bevor ich einen neuen Raum betrete, schiebe ich erst eine Kamera unter einer Tür hindurch, trete ich sie ein oder platziere ich gar einen Sprengsatz?

Fast alle Optionen, die es in einem Rainbow Six oder SWAT 4 gab, finden sich auch in Door Kickers wieder, lediglich das Um-die-Ecke-luken vermisse ich häufig, weil nichts in diesem Spiel so wichtig ist wie es die Sichtlinien sind: Lasse ich ein Squad-Mitglied beim Stürmen eines Raums ins Leere starren, steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Gegner im „Fog of War“ hinter mir und ballert mir in den Rücken.

Aber das regelmäßige Neustarten von Missionen ist Teil des Spielkonzepts, das die Gegner zum Teil zufällig platziert und sie natürlich auch auf meine Handlungen reagieren lässt: Je lauter und offensiver ich vorgehe, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein zweiter Anlauf sich gänzlich anders gestaltet als der erste.

Door Kickers Bild

Das mag dem anfangs erwähnten Planen ein wenig widersprechen, stärker an ein Hotline Miami als an ein Rainbow Six erinnern, aber ich betrachte Door Kickers mehr als eine Aneinanderreihung von Mini-Plänen: Jedes Mal, wenn ich die Pausetaste drücke, bin ich mit einer neuen Situation konfrontiert, die einen neuen Plan und seine Ausführung erfordert – und das ständige Reagieren, das Anpassen an die gegenwärtige Situation, stellt mich vor immer neue Herausforderungen, erinnert entfernt gar an die Komplexität von Schach.

Wenn ich nur noch einen letzten, verwinkelten Raum mit mehreren Eingängen „clearen“ muss und die Blendgranaten aus sind, blättere ich auch hier meine Erinnerung durch: Habe ich diese Situation nicht schon einmal gesehen? Und wenn ja, wie ich habe ich sie beim letzten Mal bewältigt? Habe ich vorsichtig eine Tür geöffnet und mich dann millimeterweise vorwärts bewegt? Oder habe ich mein Team aufgeteilt, zwei Mann vor jeder Tür platziert, zwei Sprengsätze platziert und dann das Stürmen des Raumes per Go-Code perfekt koordiniert?

Auf diese Fragen die richtigen Antworten zu finden, für jede Herausforderung eine eigene Strategie zu entwickeln, das ist die große Faszination von Door Kickers. Es ist ein Spiel, das mich zum Nachdenken zwingt, ohne mich dabei vor unlösbare Rätsel zu stellen, ein Spiel, das mich mit unterschiedlichen Taktiken experimentieren lässt, ohne mich für Fehlschläge ernsthaft zu bestrafen.

Door Kickers Screenshot Bild

Und es ist ein Spiel, dass den perfekten Mittelweg zwischen Überlegung und Tempo findet: Jede Mission lässt sich grundsätzlich in ein paar Minuten – zum Teil sogar in weniger als einer Minute – bewältigen und scheitere ich mal, ist das kein Problem. Entweder starte ich die Mission in Sekundenschnelle neu oder ich gehe einfach zur nächsten Mission über. Vielleicht lerne ich dort etwas, das ich später bei einem zweiten Versuch in der vorigen Mission gebrauchen kann.

Selbst wenn ich erfolgreich bin, bleibt Door Kickers stets trocken: „You’re done here“, heißt es in dem Fall, eventuell kaufe ich noch kurz ein Waffen-Upgrade oder ändere die Klasse eines Charakters und schon geht es weiter mit dem nächsten Einsatz.

Door Kickers steht diese Nüchternheit gut zu Gesicht, weil das großartige Spielprinzip für sich selbst spricht. Es ist ein Spiel, das keine Story braucht (die aber noch kommen soll), das keinen Multiplayerpart braucht (der aber noch kommen soll) und das auch keine 3D-Grafik braucht (die aber noch kommen kann), weil es über eine manchmal fast schon vergessen geglaubte Qualität verfügt: Gameplay. Schlichtes, sauberes, wundervolles Gameplay.

Wer das für einen abstrakten Begriff hält, möge Door Kickers spielen. Es ist ein Spiel, das Gameplay greifbar macht.

Meine irrelevante Wertung

100%
100%
Großartig

Door Kickers ist eine spannende Aneinanderreihung unterschiedlichster Herausforderungen, das die besten Elemente der Planung mit den spontanen, strategischen Entscheidungen eines Taktik-Shooters kombiniert. Ein Spiel, das sich angenehm auf das Wesentliche konzentriert - und das vermutlich beste Indie Game dieses Jahres ist.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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