So gut ist… The Affair

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Ich könnte es mir leicht machen und schreiben: „The Affair ist True Detective als Beziehungsdrama“. Das wäre keiner der Serien gegenüber ganz fair, doch Parallelen sind unverkennbar. Beide erzählen von einer Geschichte, die Jahre zurückliegt, die Hauptfiguren beschreiben jeweils ihre Version der Ereignisse in der Gegenwart einem Polizisten und während True Detective sich viel Zeit nahm, das Leben, die menschliche Existenz an sich und eine Männerfreundschaft eingehend zu betrachten, tut The Affair das gleiche mit Liebe, Sex und der Partnerschaft von Mann und Frau.

Alles dreht sich – Überraschung! – um eine Affäre zwischen dem mehr oder weniger erfolgreichen Lehrer / Schriftsteller Noah (Dominic West, The Wire) sowie der Kellnerin Alison (Ruth Wilson, Luther). Noah und Alison treffen in einem Diner in den Hamptons aufeinander, in dem Alison als Kellnerin arbeitet, während Noah mit seiner Ehefrau (Maura Tierney, Emergency Room) und seinen vier schwierigen Kindern in der Gegend Urlaub macht.

Wie es das Schicksal beziehungsweise das Drehbuch will, verschluckt Noahs jüngste Tochter am Esstisch im Diner eine Murmel, und – zusammen oder auch nicht – gelingt es Noah und Alison, die den Verlust ihres eigenes Kindes betrauert, das Mädchen vor dem Ersticken zu retten. Schwupps, ist die Verbindung geknüpft.

So weit stimmen die Erinnerungen von Noah und Alison noch grob überein, im weiteren Verlauf allerdings bewegen sie sich schnell und weit auseinander, was The Affair dann doch recht deutlich von True Detective unterscheidet. Anstatt verschiedene Aspekte der Geschichte mit Hilfe der zwei Perspektiven eingehender zu beleuchten, erzählen Noah und Alison im Stile eines Rashomon dem Polizisten ihre Erinnerungen an die mitunter gleichen Situationen: Noah etwa wähnt sich unwiderstehlich und glaubt, Alison aus ihrer Ehe mit dem Farmer Cole (Joshua Jackson aus Fringe) geradezu zu retten, während er sich ihr aus Alisons Sicht förmlich aufdrängt.

The Affair verzichtet dabei in beiden Beziehungen, sofern sich das anhand der unzuverlässigen Erzähler beurteilen lässt, auf die üblichen Klischees beziehungsweise verdreht sie; so funktioniert beispielsweise in beiden Partnerschaften noch das Sexleben, nur auf emotionaler Ebene hapert es.

Im Gegenzug lassen jedoch die Diskrepanzen zwischen den Erzählungen von Noah und Alison bisweilen jegliche Subtilität vermissen, auch weil die ohnehin schon subjektiven Erinnerungen noch von dem Zuschauer unbekannten Motivationen gegenüber dem Polizisten gefärbt sein können.

So fällt es dann beispielsweise schwer, Alison Charakterzeichnung unter dem Gesichtspunkt der anschließenden, offenbar mehrjährigen Affäre (womöglich mit daraus resultierendem Kind) Glauben zu schenken. Schuldgefühle bezüglich des Tods ihres Kinds mögen das Eingehen einer missbräuchlichen Beziehung zwar potentiell motivieren, doch zumindest im Pilot ist das nicht zu erkennen.

Mein wirkliches Problem mit The Affair aber ist, dass es nicht als Miniserie, sondern als Serie mit offenem Ende angelegt wurde. Fünf, sechs oder sieben Staffeln sind offenbar nicht undenkbar – zumal Showtime, der Sender, den Ruf hat, Serien immer unnötig in die Länge zu ziehen – und das weckt vor allem Zweifel an der Frame Story, deren Rahmen entweder so breit gesteckt sein muss, dass in ihr mehrere Jahre erzählt werden können, oder deren Auflösung so belanglos ist, dass einem weiteren Verlauf der Serie nichts im Wege steht.

Sarah Treem und Hagai Levi, den Erfindern von The Affair, die bereits bei dem guten In Treatment zusammengearbeitet haben, ist das offenbar egal, der Fokus läge auf der Beobachtung von Ehen und Beziehungen, heißt es in Interviews, und ich würde das gerne glauben, wenn ich bei solchen Sätzen nicht immer an Damon Lindelofs „Lost guckt man wegen der Figuren, nicht wegen des Mysterys!“ denken müsste. Ob sie hier Recht behalten, kann nur die Zeit zeigen.

Meine irrelevante Wertung

60%
60%
Ganz gut

Ein True Detective als Beziehungsdrama würde ich begrüßen, doch an Subtilität und einer klar abgesteckten Geschichte mangelt es The Affair. Eine Serie, die dank einiger cleverer Beobachtungen, der Verdrehung mancher Klischees und eines starken Casts durchaus Potential hat, dieses aber erst noch beweisen muss.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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