So gut ist… Alien Isolation

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Ich mag Situationen, aus denen es kein Entkommen zu geben scheint. Situationen, in denen sich scheinbar alles gegen mich verschworen hat, in denen jeder falsche Schritt, überhaupt jeder Schritt, mein Ende bedeuten kann.

Alien Isolation strotzt vor solchen Situationen.

Ich kauere in einer dunklen Ecke und starre gebannt auf meinen grün schimmernden Motion Tracker. Rechts von mir leuchten die roten Augen eines Wachroboters, der mich störrisch sucht, links von mir erahne ich das Alien, das es stets auf mich abgesehen hat, einen Gang entlang schlurfen. Hinter mir der kalte Stahl der Raumstation, aus der ich entkommen muss, es gibt keinen Rückzugsort, keine Möglichkeit, aktiv aus dieser Situation zu fliehen – und wenn mich auch nur einer meiner beiden Feinde entdeckt, bedeutet das zwangsläufig meinen Tod. Die einzige Option: Hoffen und warten.

Es ist ungewöhnlich, dass Momente der Hilflosigkeit, des Kontrollverlusts, so gut und spannend funktionieren, denn die Abgabe der Kontrolle in einem Spiel ist fast automatisch mit Frust verbunden, aber Alien Isolation gelingt diese Gratwanderung über weite Strecken, weil es ohnehin zwischen den Welten wandelt.

Ein klassisches Schleichspiel im Stile eines Splinter Cell oder dessen Quasi-Vorgänger Commandos, in dem man Puzzle-ähnlich im Stillen einen Gegner nach dem anderen ausschaltet, ist es nicht, weil über weite Strecken jeglicher Kontakt mit anderen Figuren zu vermeiden ist.

Ein klassisches Horrorspiel, das – seien wir ehrlich – in der Regel vor allem von seinem Ressourcenmanagement lebt, ist es aber auch nicht, weil die Ressourcen zwar recht knapp sind, ich sie aber ohnehin nur sehr begrenzt einsetzen kann. Das Abfeuern von Pistole oder Shotgun etwa bedeutet fast unweigerlich, die Aufmerksamkeit des Aliens auf sich zu ziehen, und damit wiederum den nahezu sicheren Tod.

Alien Isolation Screenshot

Ich packe Dinge nur ungern in Schubladen, aber ich glaube, dass die Erwartungshaltung in diesem Fall durchaus von Bedeutung ist, denn Alien Isolation lässt sich nicht in Schubladen packen; es bricht mit vielen Gewohnheiten seiner vermeintlichen Vorbilder und man kann es deshalb durchaus „falsch“ spielen.

Es ist kein Spiel, in dem ich mich als Held fühle, nicht als Sam Fisher oder Meisterdieb Garrett, sondern als Opfer, als Gejagter, der mehr noch als in jedem typischen Survival-Horror-Spiel um sein Überleben kämpft. Ich fühle mich wie sich wohl eine Wache in Splinter Cell fühlen muss, die stets die Augen offen hält – und dann doch ein ums andere Mal aus dem Nichts übermannt wird.

Alien Isolation ist ein Paranoia-Simulator. Ein Spiel, das mich nicht aus Ressourcenmangel oder aufgrund einer feindlichen Übermacht um mein Überleben bangen, sondern mich wirklich jede Bewegung, jedes Geräusch und jeden Lichtreflex fürchten lässt. Jedes Zischen, jedes Knacksen, jedes dumpfe Scheppern kann ein ein natürliches Geräusch der Raumstation sein, genauso aber kann es mir meinen bevorstehenden Tod prophezeien.

Und diese Ungewissheit ist es, die mich wahnsinnig macht, auf die bestmögliche Art und Weise, unterstrichen noch von dem großartigen Grafik- und Sounddesign, das seinesgleichen sucht. Es mag im ersten Augenblick ein bisschen deprimierend wirken, dass es tatsächlich einen 35 Jahre alten Film braucht, um solch ein beeindruckendes Lichtspiel und solch eine eindrucksvolle Geräuschkulisse in einem Spiel erleben zu dürfen, aber andererseits zählt Alien nicht umsonst zu den Besten der Besten der Besten (Sir!) seines Genres – vielleicht ist es eher ein gutes Zeichen, dass es endlich mal gelungen ist, diese einmalige Atmosphäre in ein Spiel zu übertragen.

Alien Isolation PC Bild

Dass Alien Isolation ein paar „unfaire“ Momente hat, um zu diesem Begriff zurückzukommen, soll nicht verschwiegen werden: Das Spiel gaukelt mir zwar zu einem gewissen Grade ein Gefühl von Freiheit vor, seine riesige Raumstation – mit den üblichen Einschränkungen eines Metroidvania – erkunden zu können, aber natürlich hält das Alien stets mit mir Schritt, eine wirkliche Flucht ist auch bei leisester Vorgehensweise nicht möglich, nach Cutscenes wird leider, leider nicht automatisch gespeichert, es ist ein paar Stunden zu lang, zudem sind einzelne Event-Trigger mehr schlecht als recht versteckt, nach dem Motto: Laufe durch Gebiet X, um Aktion Y auszulösen!

Es sind kurze Momente, die mich aus der Welt des Spiels herausreißen, aber ihre Anzahl ist im Vergleich zu all den erinnerungswürdigen Augenblicken verschwindend gering.

Meine irrelevante Wertung

100%
100%
Großartig

Alien Isolation ist großartig. Es verbindet Film und Spiel auf eine einzigartige Weise und kreiert im Vorbeigehen nahezu ein neues Genre. Mein einziger echter Kritikpunkt: Es könnte auch System Shock 3 sein! Alle Voraussetzungen dafür sind vorhanden - wie wär's, Sega?

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About Author

Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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