So gut ist… The Good Wife: Season 6

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The Good Wife hat mir den Einstieg einst nicht leicht gemacht: In seinen ersten Episoden wirkte es wie ein gewöhnlicher Krimi, seine Protagonistin, Alicia, eine typische Figur mit „tortured past“, die in der letzten Sekunde einer jeden Folge eine (metaphorische) qualmende Pistole findet, um ihren Mandanten doch noch zu retten.

Doch dieser Ersteindruck könnte nicht ferner von der Wirklichkeit entfernt sein.

Über die letzten fünf Jahre hinweg hat sich The Good Wife zu einem Justizdrama entwickelt, das ethische Fragen beantwortet, die andere Serien nicht einmal zu stellen wagen. Das die Veränderung liebt, die spannenden Machtverhältnisse zwischen seinen Figuren ständig auf intelligente Weise verschiebt. Das über ein einmalig breites Ensemble an großartigen Nebencharakteren verfügt, die allesamt authentischer und vielschichtiger wirken als das Main Cast andernorts. Und das über ein besseres Verständnis vom Internet im Allgemeinen und Social Media im Speziellen verfügt als jede andere Serie.

Die einzige echte Schwäche von The Good Wife ist, dass es all das weiß. Es weiß, dass es die beste Network-Serie der letzten zehn Jahre ist und dass es sich zu den besten Dramen aller Zeiten (und derer, die noch kommen werden) zählen darf. Es weiß, dass es cleverer, intelligenter und aktueller ist, was hin und wieder darin resultiert, dass es sich etwas zu sehr in seine eigene Cleverness, in seine Figuren und ihre Geschichten, vor allem aber auch in die stetige Veränderung verliebt.

Ihren negativen Höhepunkt fand diese Entwicklung in Staffel vier mit einer Storyline, die letzten Endes zwar wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wurde, doch da waren bereits zehn Folgen verstrichen. Und auch die aktuelle Staffel sechs läuft in Ansätzen Gefahr, sich in diese Richtung zu bewegen.

Wir erinnern uns: Staffel fünf war von dem Kleinkrieg zweier Kanzleien geprägt, nachdem Alicia und Cary sich von Lockhart/Gardner abgespalten hatten. Das Versteckspiel zu Beginn der Staffel und der darauf folgende Fallout der Trennung darf getrost als kreatives Highlight der Serie betrachtet werden, doch schon am Ende der Staffel wurden die Weichen erneut in eine andere Richtung gestellt, alte Freunde/Feinde schlossen sich Alicia und Cary an, während ersterer die Kandidatur zum State’s Attorney angeboten wurde.

Die Figuren ständig unter Druck und vor neue Probleme zu stellen, ist ein probates Mittel, um Spannung zu erzeugen und etwas, das The Good Wife so deutlich von anderen Krimis unterscheidet, zugleich lässt eben das aber auch die Serie selbst als Ganzes nicht mehr durchschnaufen, mal einen Moment innehalten, um die gegenwärtige Situation wirklich näher zu beleuchten und auf die Probe zu stellen.

Machtverhältnisse und Abhängigkeiten verschieben sich so schnell, dass ihnen ein wenig von ihrer Stärke genommen wird, weil ohnehin klar ist, dass jeder ein Stück weit auf jeden angewiesen ist, es zu einer endgültigen Trennung oder zumindest Distanzierung abgesehen von den wenigen klaren Antagonisten der Serie – David Lee, Louis Canning – nie kommen kann.

Es ist nicht so, dass Alicias Entwicklung nicht logisch wäre, dass ihr Wunsch, in die Politik einzusteigen, nicht zu ihr passen würde, aber – auch wenn sich The Good Wife in seiner vorletzten Staffel befindet – kommt es etwas zu schnell, zu überhastet, als dass ich ein Jahr nach der mutigen Gründung ihrer eigenen Firma dort schon mitfiebern könnte; die Serie überschreitet den Grad zwischen Fortschritt und Sprunghaftigkeit. Von dem bisher irritierend unter den Tisch gefallenen Nepotismus (Alicia Ehemann ist Governor des Bundesstaats und will sie zum State’s Attorney machen?!) ganz zu schweigen.

Aber auch im Fall der Woche, der mal mehr A-, mal mehr B-Story darstellt, gibt sich The Good Wife hin und wieder ein wenig zu „cute“. In Folge drei der sechsten Staffel kommt es in einem Zivilstreit zu einem christlichen Schlichtungsprozess, die Anwälte tauschen Gesetzbuch gegen Bibel ein, verhalten sich aber wie eh und je, verdrehen deren Inhalte und streiten sich so lautstark wie vor Gericht. Das ist eine irgendwo sympathische, aber bemüht wirkende Idee und nimmt darüber hinaus das zu erwartende Ende: Angeklagter und Ankläger einigen sich ganz friedlich, christlich, ohne blöde Anwälte.

Meine irrelevante Wertung

80%
80%
Sehr gut

Doch der Fall der Woche dient - ohne Wiederholungstäter - ohnehin oft genug nur der leichten Ablenkung vom komplexen Beziehungsgeflecht, um auch dem "Mal-Reinschauer" etwas zu bieten, und eben jenes Beziehungsgeflecht funktioniert so gut wie eh und je. Nur etwas mehr Ruhe und etwas weniger Selbstverliebtheit würden The Good Wife zum Ende hin durchaus gut zu Gesicht stehen.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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