Wie gut ist… Sherlock Holmes: Crimes & Punishments?

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Das Medium Videospiele ist mehr schlecht als recht dafür geeignet, gute, spannende Geschichten zu erzählen. Dafür gibt es viele Gründe und ein häufig übersehener, aber nicht zu unterschätzender, ist die Länge: Selbst umfangreiche Bücher lassen sich für einen Film auf zwei bis maximal drei Stunden komprimieren, während von einem Videospiel zum Vollpreis mindestens zehn, zwölf Stunden erwartet werden. Ein Zeitraum, der beim besten Willen nicht durchweg interessant und unterhaltsam gestaltet werden kann.

Dass den Sherlock-Holmes-Spielen von Frogwares, die von ihrer Story getragen werden sollten, in der Vergangenheit kein allzu großer Erfolg beschert war, ist daher nicht verwunderlich, aber ihre in die Länge gezogene, häufig verwirrende Geschichte war nur eine der Ursachen – die geringen Production Values, die nicht zuletzt für den Klassiker „Creepy Watson“ verantwortlich waren, zählten genauso dazu wie die nicht mehr zeitgemäße Grafik, die schlichtweg keine Lust darauf machte, die im Übrigen sich ständig wiederholenden Schauplätze zu erkunden.

Und doch habe ich der Reihe Chance um Chance gegeben, weil sie immer etwas getan hat, was nur wenige Spiele wagen: Sie hat mich stets zum Mitdenken aufgefordert. Klassische Point-&-Click-Adventures schleppen (wiederum) zahlreiche Probleme mit sich herum, doch eines der offensichtlichsten ist wohl, dass sie als vermeintliche Rätselspiele den Spieler zu selten wirklich aktiv für sich denken lassen.

Frogwares Sherlock ist schon seit Teil zwei, dem „Silbernen Ohrring“ vor zehn Jahren, ein bisschen anders; es gibt sich größte Mühe, mich zu eigenen Schlüssen kommen zu lassen und regelrecht zu kontrollieren, ob ich auch mitkomme. Das hat nicht jedes Mal funktioniert, aber der Versuch und die Beharrlichkeit, mit der die Entwickler es versuchen, lässt mich tiefsten Respekt empfinden. Und nebenbei schätze ich Adventures mit wirklichkeitsnäheren Problemen, Aufgabenstellungen und Lösungen spätestens seit dem starken Still Life deutlich mehr als ihr Comic-Pendant.

Sherlock in Scotland Yard Screenshot

Ich weiß, ich weiß: Saulange Vorrede. Aber ich erwähne all das nur, weil Crimes & Punishments, der neueste Sherlock-Teil, fast alles so viel besser macht.

Da sind die Fälle – ja, Plural -, die jeweils nur etwa zwei Stunden lang sind, was es dem Spiel erlaubt, spannendere und vor allem abwechlungsreichere Geschichten zu erzählen. Der zweite, sehr Sherlock-typische Fall um einen verschwundenen Zug beispielsweise hätte zwar nie ein ganzes Spiel tragen können, aber über zwei Stunden hinweg funktioniert er großartig, ohne gehetzt zu wirken.

Da ist die stärkere Grafik, die zwar weit von den gezeigten Bullshots entfernt ist, aber dank Unreal Engine 3 für glaubwürdige Figuren und überwiegend sehr detailreiche Schauplätze sorgt, die einem (wesentlich teureren) L.A. Noire nur in wenig nachstehen und die es sich zu erkunden lohnt.

Und dann ist da das neue, erweiterte „Mitdenksystem“, bei dem ich gefundene Hinweise und Beweise nicht nur auf etwaige Verbindungen hin prüfen, sondern auch Entscheidungen treffen muss: Was bedeutet dieses oder jenes Detail unter Berücksichtigung aller Hinweise? Wen halte ich für den wahren Täter und welche Version der Geschichte ist die glaubwürdigste?

Sherlock Screenshot: Baker Street

All das macht Crimes & Punishments um Klassen besser als seine Vorgänger, hievt es in Hinblick auf Atmosphäre und Storytelling beinahe auf L.A.-Noire-Niveau, erzählt die Detektivarbeit aber weitaus aktiver und lässt mich über die serientypischen Macken (miese, aber immerhin überspringbare Minispiele, weiterhin mäßige Production Values mit zum Teil sehr langen Ladezeiten, umständliche Inkosequenzen im Game Design) gerne hinwegsehen.

Meine irrelevante Wertung

80%
80%
Sehr gut

Crimes & Punishments ist das beste Sherlock-Spiel seit dem Silbernen Ohrring und das beste Detektiv-Adventure seit Still Life. Es ist ein Spiel, das sich große Mühe gibt, mich wirklich das tun zu lassen, was meine Spielfigur vermeintlich tut, und die üblichen Story-Gameplay-Hürden abzubauen. Und es ist ein Spiel, das mit seinen kleinen, spannend erzählten Fällen - nebenbei bemerkt - auch wunderbar in Episodenform funktionieren würde.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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