Wie gut ist… Shadow of Mordor?

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Bevor ich mit meinem Review beginne, lassen wir zunächst einen Experten zu Wort kommen: Jeff Goldblum, beschreiben Sie doch bitte mal das Art Design von Shadow of Mordor!

Jupp. Shadow of Mordor sieht furchtbar aus. Es sieht aus wie Pikmin, das statt in einem Garten auf einem riesigen Haufen Dinosaurierscheiße spielt. Es sieht aus, als hätte jemand die schlimmsten Bilder von Dragon Age 2 gesehen und sich gedacht: „Hammer, lasst uns daraus ein komplettes Spiel machen!“

Dass Shadow of Mordor vor seinem Release für einen kleinen Shitstorm sorgte, weil seine optionalen Ultra-Texturen nach einer Grafikkarte mit 6 GB RAM verlangen, ist die nur größtmögliche anzunehmende Ironie, denn ob Ultra, High, Normal oder Low: Es sieht immer gleich furchtbar aus! Ich hab zu wenig (= keine) Ahnung von Herr der Ringe, um beurteilen zu können, ob das alles so aussehen „muss“, aber auch Unschuld macht die Hässlichkeit nicht weniger hässlich.

So. Vielleicht mal ein paar Worte zum Spiel selbst: Shadow of Mordor ist Assassin’s Creed mit dem Kampfsystem von Batman: Arkham Asylum und einem etwas stärkeren Fokus auf Stealth. Es bringt also die besten Voraussetzungen mit, es zu verabscheuen, denn es gibt nur eins, das ich noch weniger abkann als zusammengeklaute Spielideen: Assassin’s Creed.

Und so gut das Kampfsystem von Batman auch sein mag, es kann nicht über die viel zu offensichtlichen Parallelen zu Ubisofts Erfolgsreihe hinwegtäuschen: Dümmliche Story, Missionen mit Try-Again-Garantie (besonders schön: Stealth-Quests, in denen die Gegner respawnen!), Unmengen an weitgehend unnützem Sammelkram, um die lahme Kulisse irgendwie zu füllen – sogar die AssCreed-typischen Türme und den Hechtsprung gibt es.

Das ist der Stoff, aus dem meine Albträume gemacht sind, und ich hätte mit Shadow of Mordor vermutlich das Gleiche getan wie mit Assassin’s Creed – es in einem Haufen Dinosaurierscheiße vergraben und nie wieder angeguckt -, wenn da nicht das Nemesis-System wäre.

Ein System, das es eigentlich verdient hätte, das zentrale Element dieses Spiels zu sein. Ein System, das so gut, so neu, so innovativ und so interessant ist, dass es es die bekloppte Kampagne überhaupt nicht bräuchte.

Nemesis System Bild

Das Nemesis-System macht das, woran sich Videospiele bis heute nahezu ausnahmslos schwer tun: Es gibt meinen Gegnern ein Gesicht, einen Charakter und sogar Erinnerungen. Es macht sie sowohl für mich als Held als auch für sich untereinander lebendig.

Es erlaubt mir, Einfluss auf meine Gegner zu nehmen, ihre Reihen gezielt zu schwächen, sie gegeneinander aufhetzen oder einen vermeintlichen Mitstreiter im Rangsystem aufsteigen zu lassen, um ihn erst als Leibwächter zu platzieren und später zum Attentäter zu machen.

In gewöhnlichen Spielen treffe ich auf das Fußvolk – austauschbare, namenlose Gegner, die nur eine Beschäftigungstherapie darstellen – und auf Bosse – stärkere Gegner mit Namen und üblicherweise einer großen Schwäche, die es zu finden und auszunutzen gilt.

Das Fußvolk gibt es in Shadow of Mordor auch, doch direkt über ihm stehen dutzende NPCs, die alle über eigene Stärken, Schwächen und ein Gedächtnis verfügen, vor allem aber eine so dringend notwendige Dynamik ins Open-World-Genre mit seinen bisher überwiegend nur vorgegaukelten Freiheiten bringen.

Während eine Niederlage im Kampf gegen einen Boss in vergleichbaren Spielen schlicht mit „Versuch’s nochmal!“ quittiert wird, haben meine Handlungen, meine Erfolge und Misserfolge, hier stets Konsequenzen: Verliere ich, darf ich es zwar ebenfalls noch mal versuchen, allerdings ist mein Gegner in der Zwischenzeit stärker geworden, durch seinen Erfolg über mich womöglich in der Rangordnung aufgestiegen – und das lässt diese Welt, so hässlich sie auch sein mag und so langweilig Orks als Gegner sind, enorm spannend und in Bewegung erscheinen.

Ich wünschte nur, dass Nemesis-System würde einen wirklichen Zweck erfüllen. In der Kampagne kommt es zwar zum Einsatz, aber die Kampagne – nun, siehe oben – und im freien Spiel ist es ein interessantes Sandbox-Element, aber leider in dieser Form noch nicht viel mehr als das.

Meine irrelevante Wertung

60%
60%
Ganz gut

Dennoch: Das Nemesis-System ist es, was Shadow of Mordor für mich spielenswert macht. Das, was ich ausnahmsweise kopiert und verbessert sehen will, weil die Idee grandios, ihre Umsetzung aber noch von der Perfektion entfernt ist - ein GTA mit diesem System wäre ein Traum. Der Rest des Spiels hingegen ist für mich so unattraktiv wie seine Welt.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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