The Vanishing of Ethan Carter: Schön, aber herzlos

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The Vanishing of Ethan Carter ist ein schönes Spiel, rein optisch betrachtet. Vielleicht ist es sogar das schönste Spiel, das es bis dato gibt, auch wenn der weitgehende Verzicht auf Charaktermodelle und KI es etwas einfacher machen mag, das volle Augenmerk auf die Landschaft zu richten. Man kann die Kulissen und ihre Schönheit zweifellos auseinandernehmen – die grandiosen Texturen, die Details der Komposition -, aber das würde diesem Gesamtkunstwerk nicht gerecht werden.

„Screenshot Simulator 2014“ wird das Spiel bereits genannt und es ist ein äußerst treffender Titel, denn noch nie habe ich mich so häufig dabei erwischt, einfach nur stehen zu bleiben und den Ausblick zu genießen; The Vanishing of Ethan Carter ist eine Ansammlung von Postkartenmotiven.

Leider, leider, leider ist „Screenshot Simulator 2014“ allerdings auch ein passender Titel, weil The Astronauts, dem kleinen, polnischen Entwicklerteam, nicht so wahnsinnig viel eingefallen ist, um diese tolle Kulisse zu füllen.

The Vanishing of Ethan Carter ist eine (mäßig) interaktive Geschichte im Stile eines Dear Esther, erzählt mit Hilfe von spärlich gesäten Voice Overs, in der Welt verstreuten Hinweisen und simpel zu rekonstruierenden Morden, ohne aber die notwendige Dichte im Storytelling zu erreichen, durch die sich insbesondere ein Gone Home in diesem Genre hervorgetan hat.

Wo dort im Rahmen des kleinen Hauses nahezu jeder Gegenstand eine Bedeutung hatte, eine Geschichte erzählte und mit Bedacht platziert war, verfolgt The Vanishing of Ethan Carter genau den gegenteiligen Ansatz: Es wirft mich in eine vergleichsweise offene Welt, lässt mich seine sehr vereinzelten Hinweise suchen und schreckt auch nicht davor zurück, mich das ein oder andere erstmal übersehen zu lassen, oder mir nie zu verraten, wann es denn wohl automatisch speichert. (Spoiler: Alle drölf Lichtjahre mal!)

Kein „Hand-holding“ nennen die Entwickler das, aber es ist nur die halbe Wahrheit, denn Übersehen bedeutet nicht Auslassen, sondern späteres Backtracking. Als sei das Spiel sich bewusst, wie schön seine Welt ist, als wolle es mich deshalb zwingen, wirklich jede seiner Ecken zu sehen, doch das Ergebnis ist das Gleiche wie immer, wenn jemand sich seiner eigenen Schönheit rühmt: Man mag zustimmen, doch es fühlt sich erzwungen und unsympathisch an.

The Vanishing of Ethan Carter Screenshot

Zudem gibt The Vanishing of Ethan Carter sich betont mysteriös – so mysteriös, dass es mich zu Beginn nur schemenhaft wissen lässt, wer ich eigentlich bin und was genau ich hier mache. Doch was in Romanen und Filmen gut funktioniert, um Fragen aufzuwerfen, auf deren Antworten ich entgegenfiebern kann, lässt mich in Spielen immer ein wenig irritiert zurück. Wenn ich die Hauptfigur verkörpere, wenn ich mich mit ihr identifizieren muss, sollte ich dann nicht zumindest ungefähr über die gleichen Informationen verfügen wie sie?

Ich mag es, zunächst im Dunkeln zu tappen, um dann eigene Schlussfolgerungen ziehen zu können, das Verwirrspiel muss sich jedoch so logisch wie fair anfühlen und das ist hier nicht der Fall. Es ist nicht so, dass mich das vor den Kopf stoßen würde, dass dieses Detail für sich genommen ein Dealbreaker wäre, aber es lenkt noch zusätzlich von der Story ab, die bereits über Ausdünnung genug verfügt.

Was bleibt, ist ein Spiel, das großartig aussieht, aber mir weder für seine Geschichte noch seine Welt wirklich in Erinnerung bleiben wird. Der nahe liegende Vergleich neben Dear Esther ist Alan Wake, dessen Kulisse und Tonfall gewisse Parallelen aufweisen, doch Alan Wakes Welt und seine Atmosphäre waren so viel dichter, unheimlicher, faszinierender und stimmiger, dass der Vergleich ein unfairer wäre.

Denn Herz und Seele stecken bei The Vanishing of Ethan Carter nicht in Story und Welt, sondern in Technik und Kulisse. Als sei es ein hübsch verpacktes Bewerbungsschreiben für ein AAA-Spiel.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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