Wie gut ist… Utopia?

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Nach dem Ende von Lost hatte ich mir vorgenommen, mich nie wieder in eine Mystery-Serie hineinzusteigern. Nein, „vorgenommen“ ist vielleicht das falsche Wort – es war eher eine unterbewusste Ablehnung, eine gesunde Skepsis dem Genre gegenüber, die ich nicht alleine innehatte: Zahlreiche Nachahmer, von Flash Forward bis Alcatraz, überlebten nicht einmal ihre erste Staffel, und wer es doch tat, wie Orphan Black oder Under the Dome, offenbarte spätestens in seiner zweiten, dass etwaige Stärken keinesfalls im Mystery, in der Verschwörung, zu suchen waren.

Und doch mag ich Utopia, ich mag Utopia sogar sehr, diese kleine, stark in der Tradition von Lost stehende Mystery-Serie, mit ihrer comichaften Überzeichnung, ihrem aufdringlichen Colorgrading, das oft sehr schöne Aufnahmen mit übertriebener Symbolik ins Lächerliche zieht, mit ihrem ständigen, zu offensichtlichen CGI-Einsatz und mit ihren mitunter anstrengenden britischen Akzenten.

Ich mag Utopia, weil es sich selbst nicht zu ernst nimmt, wie seine Prämisse beweist: Eine kleine Gruppe, UK-gemäß durchweg aus sympathischen, durchschnittlich attraktiven Losern bestehend, kommt in den Besitz eines über dreißig Jahre alten Comics, der – ohne zuviel verraten zu wollen – die Formel für das „Ende der Welt“ enthält. Wie das mit solchen Comics nun einmal ist, hat es auch eine weniger freundliche Gruppierung darauf abgesehen und nimmt die kaltblütige, blutige Jagd auf.

Utopia spielt dabei durchaus geschickt mit Themen wie Überwachung, unserer Identität im Netz sowie von Medien und Regierungen zur Manipulation der Bevölkerung gestreuten Ängsten, der zentrale Konflikt zwischen den beiden Parteien ist ein durchaus realer.

Utopia Episode Foto

© Channel 4

Diese Verquickung von Elementen des Comic-Genres und realitätsnahen Problemen kann schiefgehen, doch Utopia gelingt dieser Spagat im Wesentlichen, auch weil zumindest seine Helden ihre Wurzeln in der Realität finden: Der IT Consultant, der noch bei seiner Mutter lebt, der 11-jährige Junge mit Problemen in Schule und Familie, die junge Frau, die um ihre Gesundheit bangt, oder der Regierungsangestellte, der anfangs benutzt wird und dagegen der Angst zum Trotz aufbegehrt – sie alle verfügen über nachvollziehbare Motivationen und Ziele, die sich dem Kampf um’s Überleben zwar unterordnen müssen, aber immer mal wieder aufblitzen, und ihre Figuren im Kontext ihrer Geschichte glaubwürdig erscheinen lassen. Auch das angenehm facettenreiche Cast trägt seinen Teil dazu bei.

Darüber hinaus weiß Utopia zumindest grob, wo es hin will, was auch der – wiederum UK-typischen – geringen Episodenzahl zu verdanken ist: Sechs in der ersten Staffel, sechs in der zweiten Staffel, so viele Episoden sind bei einer US-Serie in der Regel schon bestellt, bevor auch nur der Pilot gelaufen ist. Gerade einer Mystery-Serie, die ungefähr wissen sollte, wie viele Fragen sie aufwerfen muss und wie viele sie beantworten darf, tut so ein kleinerer, besser überschaubarer Rahmen enorm gut.

Dennoch tappt Utopia hier und da in ein paar Genre-typische Fallen: Die Geschichte wirkt schon am Ende der ersten Staffel nahezu auserzählt, hin und wieder scheinen Figuren und Parteien nicht basierend auf Logik und Motivation, sondern rein Mystery sowie Spannung dienlich zu handeln, und nur wenige Twists kommen wirklich überraschend, was aber auch der Erfahrung und der damit verbundenen Erwartung von Twists zuzuschreiben sein mag.

Meine irrelevante Wertung

80%
80%
Sehr gut

Im Vergleich zu den jüngsten US-amerikanischen Versuchen im Mystery-Genre hebt sich Utopia insgesamt jedoch mit seinem angesichts der Prämisse tonal durchaus passenden Comic-Stil, seinem ebenso bunt gemischten Cast und einer zeitgeistigen Verschwörung angenehm ab. Dass hin und wieder die Logik auf der Strecke bleibt und nicht jede Wendung überraschen kann, ist angesichts des sehr überzeugenden Gesamtbildes vernachlässigbar.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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