Microsoft, Mojang, Minecraft und die letzte Konsolengeneration

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Die heutigen Berichte, denen zufolge Microsoft offenbar Minecraft-Entwickler Mojang kaufen will, kann man durchaus als überraschend bezeichnen. Nicht aufgrund des grundsätzlichen Interesse an dem Studio, sondern aufgrund des mutmaßlichen Preises: Über zwei Milliarden US-Dollar sind schon ein nettes Sümmchen, das auf den ersten Blick trotz des anhaltenden Erfolgs von Minecraft nach verdammt viel Asche klingt, die Microsoft aus „Überseekonten“ (wundervolles Wort) nach Schweden schippern will.

Doch wenn es tatsächlich zu dem Deal kommt, kann sich das Risiko für Microsoft durchaus auszahlen, denn das Potential der Marke Minecraft ist gewaltig: Über 50 Millionen Käufer hat das Spiel, das im Grunde ein neues Genre erfunden hat, bisher begeistern können und dabei handelt es sich nicht um den gewöhnlichen, recht billig zu bekommenden, typischen Konsolenspieler.

Minecraft wird auf unzähligen Plattformen gespielt, auf PC, Konsole, aber auch Smartphones, und es ist in allen Altersgruppen beliebt – nicht zuletzt bei vielen jungen Spielern, die vor zehn Jahren Mario und Pokemon gespielt hätten, heute aber nicht selten lieber in Minecraft bauen.

Zugleich ist der durchschnittliche Minecraft-Spieler tatsächlich an Spielen begeistert und investiert viel Zeit in das Hobby, ganz anders also als die bei anderen großen Unternehmen so begehrte Casual/F2P-Spielerschaft, die in Spielen in erster Linie eine kurzzeitige Ablenkung sucht, aber kein echtes Interesse an Spielen an sich hat und somit langfristig uninteressant ist. Was nicht zuletzt Nintendo vor ein paar Jahren schmerzlich erfahren musste.

Darüber hinaus ist die Marke Minecraft in vielerlei Hinsicht noch lange nicht erschöpft, unzählige Erweiterungen und technische Verbesserungen sind denkbar, die mehrere Sequels und Spin-offs tragen könnten. Von dem damit verbundenen Merchandising und dem Synergiepotenzial ganz zu schweigen, ersteres scheffelt schon in Hollywood einen großen Teil der Einnahmen, letzteres bietet so viele Gestaltungsmöglichkeiten, dass Valves Crosspromotion für Team Fortress 2 wie ein alter Hut (haha) wirken würde.

Gleichzeitig könnte Minecraft Microsoft dabei helfen, sein größtes Problem zumindest zu verkleinern: nicht mehr cool zu sein. So richtig cool war Microsoft natürlich nie, aber als vor 13 Jahren die erste Xbox erschien, hätte wohl niemand erwartet, wie schwierig es wirklich werden würde, den alten Trenchcoat des Windows-Herstellers gegen ein hippes Outfit einzutauschen, wie man es in Cupertino oder Mountain View trägt. (Auch wenn J Allard sich einst redlich bemüht hat, never forget the hoodie under the sport jacket!)

Der einzige nennenswerte Erfolg der letzten Jahre, die Xbox 360, war in erster Linie Sonys Arroganz bei der Herstellung der PlayStation 3 geschuldet und jegliches damit verbundene Goodwill bei den Spieler wurde seit der ersten Ankündigung der Xbox One wieder verspielt.

Microsoft braucht etwas, um sich auch bei jungen Spielern ins Gedächtnis zu rufen, um zumindest ein kleines bisschen cool zu sein, und da könnte dieser Deal gerade recht kommen. Mit Halo, Gears of War, Forza und selbst mit Quantum Break wird Microsoft vermutlich kaum neue Spieler für sich gewinnen können, aber mit Minecraft? Vorstellbar.

Und Microsoft braucht diese Coolness und Relevanz insbesondere bei den Spielern von morgen – gar nicht mal vorrangig für seine Xbox One, sondern für sein eigenes Gesamtbild, für „Xbox“ als Spieleservice. Unterstrichen wird das noch dadurch, dass Neowin ebenfalls heute berichtet, dass Microsoft das Streaming von Xbox-360- und sogar von Xbox-One-Spielen in einen Browser testet.

Die Nachricht sollte grundsätzlich niemanden überraschen, Microsoft und Sony arbeiten bereits seit Jahren daran, alle Spiele zum Kunden streamen zu können – nicht umsonst verstehen viele die aktuelle Konsolengeneration als die letzte -, aber sie verdeutlicht, wie wichtig in Zukunft die Bedeutung eines starken Markennamens und einer breiten Produktpalette sein wird.

Die bis dato noch „automatisch“ durch die Hardware vorhandene Bindung des Spielers an einen Hersteller wird in spätestens fünf, sechs Jahren Geschichte sein und dann werden für die meisten Spieler tatsächlich Angebot und Relevanz entscheiden.

Auf dem Weg dorthin wäre Minecraft für Microsoft ein Meilenstein.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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