Wie gut ist… The Walking Dead: Season 2?

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Luke, Bonnie, Carlos, Rebecca, Alvin, Nick, Jane, Arvo, Mike, Kenny.

Zehn Figuren aus der zweiten Staffel von The Walking Dead – und ich habe sie alle verabscheut. Ja, am Ende sogar Kenny, den „guten“, alten, schwer gebeutelten Kenny. Ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben, ich wollte nicht mit ihnen reden, nein, ich wollte bloß weg von ihnen. Und als mir klar wurde, dass das nie möglich werden würde, wollte ich sie sterben sehen.

Ich habe jede mir sich bietende Gelegenheit genutzt, um sie ans Messer zu liefern, und während in Episode drei und vier natürlich stets ein Sicherheitsnetz vorhanden war, um eben das zu verhindern, konnte ich im Finale der zweiten Staffel endlich das tun, was ich schon so lange tun wollte.

Erst habe ich Luke nicht das versprochene Deckungsfeuer gegeben, so dass er angeschossen wurde, später habe ich ihm nicht geholfen, als er auf einem zugefrorenen See dummerweise ins Eis einbrach – und dann habe ich sogar zugeschaut, wie er mich unter der Eisdecke um Hilfe anflehte, anstatt zumindest zu versuchen, ihn zu retten.

Im Nachhinein weiß ich, dass es mir ohnehin nicht hätte gelingen können, dass auch mein Eingreifen ihn nicht gerettet hätte, aber es sagt viel über diese zweite Staffel von The Walking Dead aus, denn in der ersten wäre solch ein Verhalten für mich undenkbar gewesen.

The Walking Dead: Clementine Screenshot

Die erste Staffel von The Walking Dead war der Titel, der mir erst beibrachte, in einem Spiel Entscheidungen über das Vertrauen zu einer virtuellen Figur aus dem Bauch heraus treffen zu können, anstatt auf gut Glück die am interessantesten klingende Option zu wählen. Zu sehr lagen mir die Figuren am Herz, zu sehr wollte ich Lee und Clementine überleben sehen.

Natürlich war mir unterbewusst stets klar, dass mein Einfluss auf die Geschichte nie so groß sein konnte, ihr Ende für meine beiden Helden tatsächlich zu bestimmen, doch zumindest das Schicksal meiner Mitstreiter, meiner Freunde, konnte und wollte ich beeinflussen.

Die zweite Staffel könnte davon nicht weiter entfernt sein. Wann immer ich meinen Begleitern in den Gesprächen nicht sagen konnte, sie sollten doch gefälligst zur Hölle fahren, habe ich „…“ als Option gewählt – was mir zugleich gezeigt hat, wie marginal mein Einfluss sowohl auf die Geschichte als auch die Beziehungen zwischen den Figuren wirklich ist.

„You’ve convinced Jane to re-join the group“, lobt mich das Spiel beispielsweise in einer Szene in Episode 5, nachdem in dem vorangegangenen Dialog etwa ein halbes dutzend mal in Folge nur geschwiegen habe. Zwei Episoden zuvor hatte ich ein Zusammentreffen mit Bonnie, welche die Aussprache mit mir suchte, und auch dort habe ich entweder geschwiegen oder ihr gesagt, sie möge sich doch bitte verpissen. Doch anschließend tat das Spiel so, als seien wir versöhnt und beste Freunde.

Überhaupt fällt niemandem auf, dass ich seit etwa drei Folgen freiwillig keine zwanzig Sätze gesprochen habe, und auch, dass ich seelenruhig zusah, wie Luke und Bonnie ertranken, kommentiert keine der Figuren mit einem Wort. Das Spiel nimmt an, dass ich bei dem Versuch gescheitert bin, aber dass ich bewusst keine Lust hatte, diesen Charakteren zu helfen, auf die Idee kommt es nicht.

The Walking Dead Season 2: Charaktere Screenshot

Mein Ansatz mag ein destruktiver und deshalb unerwarteter gewesen sein, aber er ist Resultat der Situation, in welche die zweite Staffel mich gebracht hat: Während ich in der ersten Staffel stets das Gefühl hatte, keine andere Wahl zu haben, als diese oder jene Entscheidung zu treffen, wirft mich die zweite wiederholt in eine Gruppe, mit der ich nichts zu tun haben will, weil ich keinem dieser Menschen vertraue und keiner mir sympathisch ist.

Luke und Jane zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, immer mal wieder auf- und abzutauchen, Carlos, Rebecca, Alvin und Arvo haben mich regelmäßig und insbesondere zu Beginn als kleines Kind behandelt und belogen, Bonnie stand auf der Seite eines skrupellosen Mörders – mit wem soll ich mich da identifizieren? Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich mich spätestens in Episode zwei von dem ganzen Haufen verabschiedet, aber diese Möglichkeit ließ mir das Spiel nicht.

Und das war auch der Moment, in dem ich wieder begann, es wie ein Spiel zu betrachten, anstatt wie die spannende, emotionale Geschichte von zwei Figuren, die um ihr Überleben kämpfen.

Meine irrelevante Wertung

40%
40%
Nicht so gut

Die zweite Staffel von The Walking Dead lässt vor allem die emotionale Bindung zu den Figuren und ihrer Situation vermissen. Was bleibt, ist das spielerisch zunehmend dünnere Grundgerüst, das mit seinem Mangel an Interaktivität nichts bietet, um über Schwächen der Geschichte hinwegblicken zu können. Enttäuschend.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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