Wie gut ist… 80 Days?

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„Das ist kein Spiel mehr“ ist ein beliebter Ausgangspunkt für eine Diskussion, mit der man als Spieler in den letzten Jahren häufig konfrontiert wurde: Bei The Walking Dead, bei Gone Home, sogar bei Papers, Please.

Doch eine Diskussion, die sich allein um etwas so Nebensächliches wie Begrifflichkeiten dreht, ist eine unsinnige, weil sie ihren interessanten Hintergrund ausklammert. Nicht der Begriff ist relevant, sondern das Erlebnis – die Erfahrungen, die der Nutzer macht, und die Emotionen, die er dabei empfindet.

Die Frage sollte nicht „Ist das noch ein Spiel?“ lauten, sondern: „Wäre das ‚Erlebnis‘ des Nutzers mit mehr Interaktivität ein besseres?“. Für The Walking Dead und The Wolf Among Us kann ich diese Frage bejahen, aber es ist keine allgemein gültige Antwort, wie 80 Days beweist.

80 Days, derzeit für iPhone und iPad erhältlich, erzählt von dem Wettkampf eines englischen Gentlemans, in maximal 80 Tagen um die Welt zu reisen. Die Idee basiert natürlich auf „Around the World in Eighty Days“ von Jules Verne, spielt dementsprechend vor der Kulisse des späten 19. Jahrhunderts und bereichert dieses um Elemente des Steampunks wie etwa einen Amphibienzug, der auf dem Weg von London nach Paris einfach durch’s Wasser donnert.

Wie ich diese Reise plane, bleibt vollkommen mir – dem Diener des wohlhabenden Mannes – überlassen. Von Paris aus zum Beispiel kann ich weiter mit dem Orient Express gen Osten fahren, mich an Bord eines Zeppelins wagen oder mit dem Auto gen Süden reisen, um dort auf ein Schiff umzusteigen.

80 Days Screenshot

Die in den Rahmen der textreichen Story eingebundenen Entscheidungen erinnern an einen „Choose Your Own Adventure“-Roman, mit dem wesentlichen Unterschied, dass ich mir viele Optionen erst erarbeiten und gleichzeitig mit den begrenzten Ressourcen haushalten muss: Zeit, Geld, das Wohlbefinden meines Arbeitgebers und der Platz in den mitgeführten Koffern sind limitiert, was mir erstaunlich schwerwiegende, essentiell taktische Entscheidungen abverlangt.

Entschließe ich mich, die wind- und wetterfesten Klamotten aufgrund von Platzmangel in den Koffern zu verkaufen, stellen Schiffsfahrten anschließend nur noch im Ausnahmefall eine Option dar, weil diese ohne angemessene Kleidung zu stark an der körperlichen Verfassung zehren.

Mit etwas mehr Fürsorge kann ich diese zwar aufbessern, allerdings kostet das Zeit, was wiederum nach sich zieht, dass mir wichtige Informationen in Hinblick auf die Weiterreise entgehen. Sinnvoller und auch wesentlich interessanter ist es daher, den bequemeren Weg zu wählen und dafür mehr Zeit mit Gesprächen während der Fahrt und während des Erkundens von Städten zu verbringen. In denen erfahre ich nicht nur Wissenswertes über die Reise, sondern forme mit kleinen Entscheidungen in Dialogen und Beschreibungen auch meinen eigenen Charakter.

Auf einer Ausstellung etwa, auf der moderne Maschinen vorgestellt werden, kann ich entweder mit positiver Neugier oder mit Argwohn und Skepsis auf den Fortschritt der Zeit reagieren; das Spiel erinnert sich an meine Wahl und greift diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf.

Nicht jede Entscheidung jedoch muss ich direkt fällen. In Italien etwa erzählt mir ein zwielichtiger Händler, ein Angestellter im Osten betrüge ihn, und bietet mir einen Weiterflug an, wenn ich dort nach dem Rechten sehe. Ob ich dieses Angebot annehme, entscheide ich allerings erst mit der Auswahl meines nächsten Reiseziels – vielleicht tut sich ja noch eine bessere Alternative auf!

80 Days mag spielerisch trotz des leichten Ressourcen-Managements simpel sein, das Gefühl, seine Welt zu erforschen, ständig neue Figuren zu treffen und ihre Geschichten zu hören, ist faszinierend. Zugleich sorgen der stetige Zeitdruck und die klare Zielsetzung dafür, dass es sich eben nicht wie ein reiner Roman anfühlt, für den ich mir ewig Zeit lassen darf.

80 Days Review Bild

Dennoch kann 80 Days eine Schwäche seines Vorbilds nicht ablegen: den Eindruck, mich nur selten wirklich informierte Entscheidungen treffen zu lassen. Ich kann aktiv etwas dafür tun, dass mir möglichst viele Optionen zur Auswahl stehen, aber ihre Qualität tatsächlich bewerten, das kann ich kaum.

Lande ich bei einem Buch in einer Sackgasse, blättere ich zur letzten Stelle zurück und treffe eben eine andere Entscheidung, im Spiel hingegen merke ich erst sehr spät, ob eine Entscheidung gut war oder nicht, und manchmal merke ich es gar nicht.

Als ich zum ersten Mal die Welt umrundet hatte, konnte ich mir nur vornehmen, nächstes Mal eine vollkommen andere Route zu wählen – allein jedoch des Erforschens willens, nicht, weil ich mit Gewissheit hätte sagen können, hier oder da zuviel Zeit verbracht zu haben.

Darüber hinaus tut sich 80 Days mit seiner Präsentation ein wenig schwer. Über ein paar unsaubere Grafiken kann ich hinwegsehen, dass allerdings ausgerechnet die Weltkarte, die mir Entdeckertum und Abenteuer des Reisens im 19. Jahrhundert eigentlich vermitteln sollte, lieblos bis prototypisch daherkommt, enttäuscht.

Meine irrelevante Wertung

80%
80%
Sehr gut

Insgesamt jedoch ist 80 Days ein abwechslungsreiche und spannend erzähltes Abenteuer, das mich vor eine große, faszinierende Aufgabe stellt, kleine, nachvollziehbare Hindernisse in den Weg legt, mir zugleich jedoch das Gefühl der Freiheit gibt, die vor diesem Hintergrund unabdingbar ist. Geschichte und Interaktivität stehen in einer gesunden Balance zueinander - auch wenn 80 Days sich stellenweise ein wenig stärker von seinem literarischen Vorbild hätte lösen können.

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About Author

Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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