Papers, Please – Review

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„ALLE Unterlagen vorzeigen!“, möchte ich den Alten anfahren, der mir seine vorläufige Einreisegenehmigung zugeschoben hat, nicht aber seinen Reisepass. Es sind nur zwei Unterlagen, wie schwer kann das sein? Mit einer vor sich hin gemurmelten Entschuldigung reicht er seinen Pass nach – und weckt damit mein Misstrauen: Wenn er ihn dabei hat, gibt es einen Grund, warum er ihn mir nicht zeigen wollte?

Meine Augen fliegen über die Daten: Name? Stimmt überein. Ausweisnummer? Ist korrekt. Ausgabeort? Stimmt ebenfalls. Besuchsgrund und Aufenthaltsdauer? Check und check. Also doch wieder nur einer, der nicht zugehört hat, denke ich, schiebe seinen Reisepass mit einer geübten Bewegung unter den grünen Stempel und knalle meine Hand drauf: Approved, Einreise erlaubt. Ich reiche ihm seine Genehmigung und will ihm auch schon den Reisepass wieder in die Hand drücken, als ich es endlich bemerke: Das Foto im Pass? Ist nicht seins! Auf Knopfdruck knallt das Gitter vor mir runter, die Wachen stürmen rein und der Betrüger wird abgeführt.

Was mit ihm passiert? Mir egal, ich mache nur meinen Job, und ich wundere mich nicht darüber, dass mir solch ein simpler Fehler unterlaufen konnte, denn nach 15 Tagen als Grenzbeamter des kleinen kommunistischen Staates Arstotzka sehe ich schon lange keine Gesichter mehr und erst recht nicht die Menschen hinter den Gesichtern. Ich sehe Papiere, die ich mechanisch auf Unstimmigkeiten überprüfe, um dann eine 1 oder 0 auszugeben: 1 für alles korrekt, Einreise erlaubt. 0 für einen Fehler, zurück nach Hause. Im besten Fall.

Doch ich kann nicht behaupten, dass mich die Geschichten der Einreisenden interessieren würden, denn ich versuche, so viele Menschen wie möglich in den wenigen Stunden, die mir am Tag zu Verfügung stehen, abzuarbeiten – immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass mir Vater Staat als großer Bruder pausenlos über die Schulter schaut und mich für jeden noch so kleinen Fehler finanziell bluten lässt. Was ich mir nicht leisten kann, weil meine kleine Familie schon jetzt Tag für Tag um’s Überleben kämpft: Mal mangelt es an Essen, mal kann ich die Heizung nicht bezahlen. Und immer, wenn ich auf den Stempel gehauen habe, zittere ich, glaube schon das Tickern der Abmahnung zu hören, und atme erst dann auf, wenn der nächste Reisende vor mir am Schalter steht.

Papers, Please Screenshot

Manchmal kommt jemand vorbei und bietet mir Hilfe an: Ein paar Scheine, um ihn trotz ungültiger Papiere über die Grenze zu lassen. Eine Ablenkung in einem Stripclub. Sogar vermeintliche Verschwörer lassen sich blicken. Aber ich lehne diese Angebote ab; ich bin nur ein einfacher Grenzbeamter, der seinen Job macht und keinen Ärger will. Allein auf den Vorschlag meines Kollegen, zu Gunsten einer Provision mehr „Verdächtige“ einzusperren, gehe ich ein, selbst wenn es sich bei den Unstimmigkeiten in ihren Papieren um offensichtliche Fehler und nicht um Fälschungen handelt.

Innerhalb kürzester Zeit hat „Papers, Please“ aus mir einen feigen Diener des Staates gemacht, mit einer simplen Kombination aus monotoner Arbeit, immer höheren Anforderungen und stetig steigendem Druck. Es ist ein Kampf mit der eigenen Konzentration, an einen Einstellungstest erinnernd, bei dem Probanden gezielt überfordert werden, um ihren Umgang mit Belastungen auf die Probe zu stellen, nur ist das hier kein Test, denn mein Leben und das meiner Familie steht auf dem Spiel.

Ich würde gerne Mitleid aufbringen für den Mann, der mich anfleht, seine Frau unbedingt mit ihm ins Land zu lassen, doch wenn ich vor die Wahl zwischen dem Wohlergehen eines Fremden und meinem Gehaltsscheck habe, muss ich mich für letzteren entscheiden, um kein vorzeitiges Ende zu riskieren. Wer weiß, ob es dem Paar in unserem Land überhaupt besser ginge, versuche ich meinen Entschluss anfangs noch zu rechtfertigen.

Doch nach ein paar Stunden nehme ich all das gar nicht mehr wahr, sondern filtere aus den Worten der Reisenden die für mich relevanten Informationen heraus, um möglichst effektiv arbeiten zu können. 2 Tage. Transit. Mehr muss ich nicht wissen. Und ich empfinde nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei, einen feminin aussehenden Mann sich zur Überprüfung seines Geschlechts ausziehen zu lassen. „You’re a man?“, frage ich emotionslos. „What is this question?“, keift er zurück, doch da ist es schon zu spät: Er wird in einen Nebenraum geführt und Sekunden später begutachte ich zwei Nacktfotos von ihm: eindeutig ein Mann. Approved, herzlich Willkommen in Arstotzka, der nächste bitte!

„Papers, Please“ ist kein Spiel, das Spaß macht, zumindest nicht in dem Sinne, das es belustigen oder unterhalten würde. Es ist anstrengend, es ist nervenaufreibend, es stumpft mich schneller ab als mir lieb sein kann, es ist kaltherzig und manchmal brutal. Es wäre zuviel behauptet, dass es mich verstehen lässt, wie schnell man Gehorsam an den Tag legt, wenn man glaubt, keine andere Wahl zu haben, und um sein eigenes Überleben kämpft – aber es lässt mich darüber nachdenken. Und das ist alles, was ich von einem Spiel verlangen kann.

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Freier Journalist. Autor. Spielefan.

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